Special Moments
Es ist Frühling in Wolfsburg. Die ersten Krokusse stecken ihre Köpfe aus dem Boden links und rechts des Fußweges zum Stadion. Es ist ein bewölkter Samstag, dieser 04. April 2009, und ab und zu blinzelt etwas Sonne durch die Wolkenberge. Eine idyllische Szenerie, die wenige hundert Meter weiter abrupt endet. Die Wolfsburger Volkswagen Arena ist ausverkauft. 30.000 Zuschauer wollen das Gigantenduell gegen den FC Bayern München live verfolgen und schieben sich lautstark an den Krokussen vorbei in Richtung Stadion.
In den Katakomben des Stadions sitzt ein junger Mann, dessen Name in wenigen Stunden jeder kennen wird. Edinaldo Batista Libânio bekommt nichts mit vom Frühling über ihm. Er hört die Fanmassen nicht und weiß auch nicht, dass gerade die ersten Krokusse erblüht sind. Edinaldo ist hochkonzentriert. Er ist im Tunnel und versucht sich mental auf das Spiel vorzubereiten, das später einmal das wichtigste seines Lebens werden soll. Das weiß er zwar noch nicht, aber der junge Brasilianer ist Profi und bereitet sich auf jedes Spiel ebenso akribisch vor. Er spricht nicht. Er hampelt nicht herum, wie einige seiner Teamkollegen. Er sitzt ruhig vor seinem Spint in der Wolfsburg-Kabine. Zieht den linken Schuh zuerst an, dann den rechten. „Die Bayern sind ein starker Gegner, aber wir sind auch stark“, sagt er zu sich selbst.
Geboren im Hinterland der Millionenstadt Sao Paulo, verdient sich Edinaldo mit dem Verkauf von Mülltüten sein Geld. Mit 20 unterschreibt er den ersten Profivertrag beim SE Matonense und erhält den Namen, mit dem er zehn Jahre später Geschichte schreiben wird. 78 Kilogramm Gewicht bei 1,89 Meter Körpergröße erinnern den ersten Trainer des schlaksigen Brasilianers direkt an eine aus Graphit hergestellte Bleistiftmine – der Spitzname ist geboren.
Edinaldo „Grafite“ Libânio schmunzelt, als er, umringt von seinen Teamkollegen, auf den heimischen Rasen tritt. Er denkt an seinen ersten Trainer und weiß, wie stolz er wäre, würde er ihn heute sehen können. 30.000 Fans jubeln, als um 15:30 Uhr der Startpfiff ertönt. Grafite ist nervös, dabei kennt er das Spiel vor großem Publikum. Nach Erfolgen mit mehreren brasilianischen Vereinen, unter anderem dem FC São Paulo bei der Copa Libertadores, wechselt der brasilianische Nationalspieler im Januar 2006 nach Europa. Doch heute fühlt es sich anders an als sonst. Die Bayern, für ihr offensives Spiel bekannt, erwischen einen schlechten Start, so dass die Wölfe in Führung gehen. Der Südamerikaner hat fast ein bisschen Mitleid mit den völlig überforderten Bayern, denen er seinen Vertrag mit Wolfsburg überhaupt erst zu verdanken hat.
Während er 2007 noch für den französischen Aufsteiger Le Mans UC auf dem Platz steht, braut sich 1000 Kilometer weiter westlich ein Unwetter über der bayerischen Landeshauptstadt zusammen, dessen Ausmaße am Ende auch Grafite treffen sollen. Nach der Fußballweltmeisterschaft und dem Abgang von Fanliebling Michael Ballack kann der siegverwöhnte FC Bayern München nicht an seine Double-Double-Erfolge der Vorjahre anknüpfen.
Trainer Felix Magath verlässt die Bayern. Am 15. Juni 2007, knapp zwei Monate vor dem Beginn der Saison 2007/08, wird „Quälix“ neuer Geschäftsführer beim VfL Wolfsburg und stellt den Werksverein komplett auf den Kopf. Innerhalb von zwei Jahren verpflichtet der gebürtige Aschaffenburger für 55 Millionen Euro mehr als 30 neue Spieler. Unter ihnen: Eine talentierte Bleistiftmine aus Südamerika. Am 31. August, dem letzten Tag der Transferperiode, holt Magath den weitgehend unbekannten Brasilianer Grafite in die deutsche Bundesliga. 581 Tage später deklassiert eben dieser Transfer die bayerische Rekord-Abwehr innerhalb weniger Sekunden. Die ansonsten nicht unbedingt für ihre Hooligan-Stimmung bekannte Volkswagen Arena brennt grün-weiß.
Es ist Samstag, der 04. April 2009, 16:47 Uhr, als der Brasilianer Grafite in Ballbesitz kommt. Was folgt ist ganz großer Fußball: Er schlängelt sich seitlich zwischen zwei Verteidigern hindurch, schlägt einen Haken um den herbeigeilten Torhüter Michael Rensing und findet sich plötzlich mit dem Rücken zum Münchener Tor wieder. Umzingelt von Gegenspielern nimmt der Junge aus Sao Paulo die Hacke, um den Ball an den paralysierten Bayern vorbei ins Tor zu schicken.
Es ist der Treffer zum 5:1. Der Treffer zum Endstand. Der Treffer, der die überragende Saison der Wolfsburger zusammenfasst und den (kurzzeitigen) Machtwechsel im deutschen Fußball dokumentiert. Der Treffer, den die ARD-Sportschau-Zuschauer später zum „Tor des Jahres“ wählen werden. Der Treffer, der Grafite fußballerisch unsterblich macht und den VfL Wolfsburg wenige Wochen später die erste Meisterschale ihrer Vereinsgeschichte in den Händen halten lässt.



Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen Moment so besonders machen. Eine Drehung im richtigen Augenblick, eine Idee, mit der niemand rechnet. Manchmal auch ein Krokus, der eine ansonsten kaum beachtete Wiese zu etwas Besonderem macht. Grafite und sein Tor gegen den FC Bayern sind der bunte Krokus im ansonsten einfarbig grünen Wolfsburg. Der ganz besondere Moment in der Vereinsgeschichte.
9. Autor: Sophie Hargesheimer↩