Kapitel 07

Tragisch

Diese Personen hatten Pech
5 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026
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Krzysztof Nowak:Wolfgang Wolf kämpft mit den Tränen. Der hartgesottene Pfälzer, in 248 Bundesliga-Spielen für den 1. FC Kaiserslautern als Abwehrspieler ein unangenehmer Gegner, kann seine Emotionen nur schwerlich zurückhalten. Im November 2002, beim letzten Heimspiel im alten VfL-Stadion am Elsterweg und vor dem Umzug in die neue Volkswagen Arena, schiebt der Trainer der Wolfsburger seinen schwer erkrankten Spieler Krzysztof Nowak im Rollstuhl über den Rasen. Seinen Stammplatz hat der seit 2000 an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer unheilbaren Erkrankung des motorischen Nervensystems leidende Pole bei den Heimspielen der „Wölfe“ neben der Trainerbank.

Zu dem Zeitpunkt, als Wolfgang Wolf mit Nowak noch eine Ehrenrunde im künftig nicht mehr für Bundesligaspiele genutzten VfL-Stadion dreht, ist der zehnmalige Nationalspieler Polens bereits schwer von der Nervenkrankheit gezeichnet. Die Muskeln in seinen Armen können ihren Dienst nicht mehr tun, Autogramme schreibt seine Frau Beata für ihn. An Hilfe für Nowak mangelt es nicht. Schon nach dem Heimspiel des VfL am 27. April 2002 gegen den FC Bayern (0:1) sagen die Münchner Klubverantwortlichen um Manager Uli Hoeneß ihre Unterstützung zu – in Form eines Benefizspiels. Nowaks Alltag ist da schon längst von einem Arztbesuch-Marathon geprägt. 400.000 Euro erspielen die Bayern und die Wolfsburger später zugunsten der im Mai 2002 gegründeten „Krzysztof-Nowak-Stiftung“. Wichtigster Vertrauter von Nowak neben der Familie ist sein Berater Martin Wiesner. „Ohne unsere Freunde würden wir es nicht schaffen“, sagt Beata Nowak.

„Taub und schlapp“, so beschreibt Nowak die ersten Symptome seiner Krankheit. Ein Taubheitsgefühl in den Armen stellt sich ein, das Trainieren fällt ihm immer schwerer. Am 10. Februar 2001 macht er sein letztes von 83 Bundesliga-Spielen (10 Tore) gegen Hertha BSC. Wenig später wird die Diagnose publik. Die Anteilnahme der Kollegen, die Gespräche mit ihnen in der Kabine, das gebe ihm „viel Kraft, wie die Familie und die Fans“, sagt Nowak nach seinem erzwungenen Abschied. Er besucht Schulmediziner in Deutschland, den Niederlanden in den USA und Malaysia. Die Anzahl der konsultierten Ärzte soll bei 100 liegen. Helfen können sie ihm nicht. Krzysztof Damian Nowak stirbt am 26. Mai 2005 in Wolfsburg. Da ist er 29 Jahre alt. Verdammtes ALS!

Junior Malanda:Junior Malanda ist spät dran. Der Wolfsburger, 2013 für eine Ablöse von 1,7 Mio. Euro von Zulte Waregem zum VfL Wolfsburg gewechselt, hat die Abreise der „Wölfe“ ins Trainingslager nach Kapstadt in Südafrika verpasst, weil er unbedingt noch seine Playstation holen will. Der Versuch, auf dem Weg zum Flughafen Braunschweig die verlorene Zeit mit dem Auto wieder herauszuholen, endet für ihn tödlich. Bei Regen und starkem Wind kommt der VW von der Fahrbahn ab, Malanda, der auf der Rückbank sitzt, wird aus dem Wagen geschleudert und ist sofort tot. Die letzten Sekunden im Leben von Bernard Malanda-Adje, genannt Junior, kann die Polizei erst neun Monate nach dem tragischen Unfalltod des belgisch-kongolesischen Fußballprofis auf der A2 bei Porta Westfalica exakt rekonstruieren. Den am 10. Januar 2015 auf dem Weg ins Trainingslager des VfL Wolfsburg tödlich verunglückten Mittelfeldspieler kostet die Tatsache, nicht angeschnallt zu sein und das Bücken nach einem in den Fußraum eines VW-Geländewagens gefallenen Handy-Ladekabels wohl das Leben. Malandas belgischer Kollege Anthony D‘ Alberto, zu diesem Zeitpunkt Profi in Venlo in den Niederlanden, steuert den Unglückswagen, einen VW Touareg, an diesem rabenschwarzen 10. Januar 2015. Der Verteidiger überlebt schwer verletzt. Die Nachricht vom Tod des Fußballprofis verbreitet sich in Wolfsburg wie ein Lauffeuer. Spontan treffen sich mehr als 1.000 VfL-Fans an der Volkswagen Arena zu einem Trauermarsch. Die Bundesliga ist in der Winterpause, doch der Schock sitzt tief. Junior Malanda – er steht für die personifizierte Tragik eines Profis. So lesen sich seine Leistungsdaten, so liest sich das Protokoll seines Unfalls. Sein Bundesliga-Debüt gibt er am 8. Februar 2014 beim 3:0-Erfolg beim 1. FSV Mainz 05. In den folgenden Wochen bleibt Junior Malanda jedoch ohne Einsatz im Kader des Teams von Trainer Dieter Hecking, ehe ihn eine Kreuzbandzerrung im April 2014 fünf weitere Wochen zum Zuschauen zwingt. Die vergebene Riesen-Chance beim FC Bayern lässt Junior Malanda nicht mehr los.

Im Bundesliga-Eröffnungsspiel der Saison 2014/2015 beim FC Bayern München (1:2) wird ganz Fußball-Deutschland Zeuge, wie Malanda aus weniger als einem Meter den Ball neben das leere Tor stolpert. Den beißenden Spott in den sozialen Netzwerken bekommt der Belgier umsonst. Eine weitere vergebene Großchance eine Woche später gegen Eintracht Frankfurt (2:2) lässt in das Seelenleben des Nachwuchsspielers, der alle belgischen Junioren-Nationalteams durchlief, blicken. „Junior sieht man die Enttäuschung förmlich an“, erklärt Hecking in der Pressekonferenz nach dem Spiel, „ich hätte es ihm gewünscht, dass er seinen Fehlschuss von München wieder gut machen kann.“ Daraus wird nichts. Junior Malanda wird sich nie wieder in die Torschützenliste des VfL Wolfsburg eintragen. Seinen letzten Einsatz für den Deutschen Meister von 2009 bestreitet er am 20. Dezember 2014, beim 2:1 gegen den 1. FC Köln. Fünf Wochen später spielt der VfL Wolfsburg wieder gegen den FC Bayern. Es ist Spiel eins nach dem tragischen Unfalltod Malandas.

Felix Magath VfL Wolfsburg polarisiert Trainer
Felix Magath polarisiert: Die einen in Wolfsburg lieben ihn noch immer, die anderen eher nicht. Foto: Imago Images/Sven Simon

Die Partie zwischen Verfolger Wolfsburg und dem souveränen Spitzenreiter aus München wird zu einer der emotionalsten Trauerfeiern in der Bundesliga-Geschichte. „Gemeinsam haben wir uns entschieden, heute nicht in Stille zu gedenken“, so die Ansage via Stadion-Mikrofon unmittelbar vor der Gedenkminute, „sondern leidenschaftlich, farbenfroh, mit der positiven Energie, die Junior eigen war. Dieser Moment und dieser Beifall sind für Junior Malanda.“ Was folgt, ist tosender Applaus von den Rängen. Eine beeindruckende Choreographie in der Wolfsburger Fankurve („Junior Malanda – Für immer in unseren Herzen“) tut ihr Übriges, verstärkt diesen emotionalen Eindruck. Die Liga vergisst keinen. Im DFB-Pokalfinale 2015 tritt Wolfsburg am 30. Mai mit einem grünen Herz und Malandas Trikotnummer 19 auf den Shirts an. „Wir haben alle Spiele auch für ihn gespielt. Jetzt ist er nicht nur in unseren Köpfen, sondern auch auf den Trikots“, sagt VfL-Sportdirektor Klaus Allofs. Wolfsburg setzt sich mit 3:1 gegen Borussia Dortmund durch, das seinem scheidenden Erfolgstrainer Jürgen Klopp zum Abschied den Pokal schenken will. Aber die Wölfe, die die Saison als Vizemeister beenden und damit die beste Bilanz seit ihrem Meisterjahr 2008/09 einfahren, haben an diesem Finaltag einfach die emotionalere Geschichte – und widmen ihrem verstorbenen Kollegen Malanda den Pokaltitel.

ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zerstört das Leben von Krys
ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) zerstört das Leben von Krystof Nowak (l.). Trainer Wolf im Gespräch am 20.01.2003. Foto: Imago Images/Team 2
Alle Kapitel: 01. Prolog 02. Good to Know 03. Für die Hater 04. Für die Lover 05. Schlüsselfiguren 06. Personae Non Gratae 07. Tragisch 08. OMG — Oh My God 09. Fun Facts 10. Special Moments 11. Weise Worte 12. Steckbrief [Annex]
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← Kap. 06: Personae Non GrataeKap. 08: OMG — Oh My God →
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